Kurzgeschichten

Kurz und gut: Etwas fertig stellen (und veröffentlichen)

Mein Roman begleitet mich über Jahre. Das ist intensiv und befriedigend – doch mein Bedürfnis, etwas abzuschließen wuchs mit der Zeit heftig. Um nicht mein Manuskript voreilig zu veröffentlichen, sondern ihm die Überarbeitungen zukommen zu lassen, die es verdient, suchte ich nach einem anderen Projekt. Schnell ergab sich die Idee, Kurzgeschichten zu verfassen. Da ich im Autorenstammtisch auf begeisterte Zustimmung traf, taten wir uns 2018 zur Autor*innegruppe ForumWort zusammen, deren Treffen ich fortan organisierte. Wie wir hier arbeiten, Lesungen halten und bald schon die zweite Kurzgeschichten-Sammlung an den Verlag bringen, erzähle ich Euch hier. Zwischenzeitlich ergab sich dann auch noch die Möglichkeit, in der Anthologie des Nornennetzes eine Kurzgeschichte zu veröffentlichen.

Kurze Geschichte = Kurzgeschichte?

Bei meiner Weiterbildung zur Poesiepädagogin/Schreibgruppenleiterin übten wir unter anderem, anhand von vorgegebenen Bergriffen kurze Geschichten zu verfassen. Und das, in möglichst kurzer Zeit: In 15 Minuten entstanden hier Mini-Geschichten, zum Teil eher Entwürfe, die Lust auf Ausarbeitung machten. Jedenfalls beeindruckend, was sich mit den richtigen Anregungen („verwende Worte aus den Buchstaben deines Namens)“ oder ungewöhnlichen Wortkombinationen („stromlinienförmige Trauer“) erreichen lässt. Meine Faszination für kurze Geschichten erwachte. Aber waren das jetzt richtige Kurzgeschichten? Definitionen für Kurzgeschichten gibt es reichlich. Da ist von Reduzierung auf einen Moment, eine Person, einen Schauplatz die Rede. Der Plot muss entsprechend effizient sein. Hmmmm? Das wirkte dann doch sehr technisch und wenig stimmungsvoll. Doch nichts für mich?

In der Autor*innengruppe, in der ich meine ersten Kurzgeschichten verfasste, beschlossen wir zunächst, uns von diesen Vorgaben frei zu machen. Überhaupt entwickelten wir ein so witziges Konzept für unser Gemeinschaftswerk, dass die unterschiedliche Auffassung von Kurzgeschichten nicht weiter ins Gewicht fiel: Wir schrieben nämlich alle zwei Geschichten. Dabei war so ein Geschichtenpaar verbunden durch ein gemeinsames Ereignis, das aber aus unterschiedlicher Perspektive geschrieben wurde.

Im Kleinen üben: Deadline, Kritik ertragen, Verlag finden, Vermarkten …

Günstig war an dem Kurzgeschichten-Projekt auch, dass ich viele neue Anteile des Schaffens-und Veröffentlichungsprozesses „im Kleinen“ üben konnte.

Sobald das Konzept stand und weil die Gelegenheit auf der Buchmesse günstig war, sprach ich zwei Kleinverlage an. Zwar war ich bei den Gesprächen nervös, aber das Wissen, dass ich für eine Gruppe sprach und nicht nur mich selbst anpries, machte es sehr viel einfacher. Beide Verlage waren interessiert -– so schlecht konnte ich meine Sache also nicht gemacht haben.

Der eine Verlag hatte eine längere Vorlaufzeit und konnte uns nicht versprechen, dass die Veröffentlichung noch vor Weihnachten 2019 möglich wäre. Als sie das Roh-Manuskript bekamen, lehnten sie ab. Die andere Verlegerin war zum Glück weiterhin überzeugt von unserem Werk und wir vereinbarten einen Zeitplan, wann das fertige Manuskript lektoriert und mit Vita versehen vorliegen sollte, damit es pünktlich zur BuchBerlin im Oktober fertig wurde. Ich lernte also nicht nur selbst die Stufen des Prozesses, sondern durch die enge Zusammenarbeit mit dem Verlag, was alles dazu gehört, bis ein Buch mit Cover, Klappentext etc. versehen endlich als Print auf dem Verkaufstisch landet.

Durch die Arbeit in der Gruppe lernte ich noch etwas anderes, sehr wichtiges für eine angehende Autorin in klein: Ich gab zunächst nicht mein Roman-Baby zur Kritik frei, sondern „nur“ eine Kurzgeschichte. Es war trotzdem eine ungewohnte und nicht nur erfreuliche Erfahrung, von gleich etwa 17 Personen Feedback zu bekommen. Und rote Markierungen an meinen Texten hatte ich seit der Schulzeit nicht mehr ertragen müssen. Schluck! Unter "wichtige Erfahrungen" verbuchen, die zu meinem neuen Wahl-Beruf gehören.

Umso schöner lasen sich dann die ersten Rezensionen von echten Leserinnen und Lesern! Fremde Menschen, die meine Geschichten gerne lasen und mir ihr Lob hinterließen.

Eigenständige Geschichten oder Roman-Bezug?

Meine erste Kurzgeschichte behandelt tatsächlich eine Begebenheit, die vor der Handlung meines Romans stattfindet. Sie ist in sich abgeschlossen, doch Welt und Wesen hatte ich schon für mein Hauptwerk entwickelt. Zu dieser Zeit war mein Kopf einfach komplett mit diesen Charakteren und ihren Schicksalen ausgefüllt. Das Feedback in der Gruppe und auch in der Leserunde auf Lovelybooks sowie bei unseren Lesungen bestätigt mir aber zum Glück, dass das Geschichtspaar für sich funktioniert und das Publikum berührt: Eine Tochter, die sich gerade entfaltet und dann mit dem Ehebruch ihres Vaters konfrontiert wird. („Vertraute Fremde - Fremde Vertrautheit“ in: „Fremd – Jede Geschichte hat zwei Seiten“, Independent Bookworm 2019)

Die nächsten beiden Kurzgeschichten erfand ich völlig unabhängig von meinem Roman. Wir hatten uns in der Autor*innengruppe wieder auf ein gemeinsames Thema geeinigt. Dieses Mal war es: Himmelhoch – Abgrundtief. Sofort sah ich eine geflügelte junge Frau vor mir, die abstürzt. Wie würde sie ein Leben als verachteter Staubling am Boden ertragen? Es entstand die Geschichte „Nur ein nutzloser Flügel“.

Die dritte Geschichte ist mein Beitrag zur Heldinnen-Anthologie des Nornennetzes, dem Netzwerk von Fantastik-Autorinnen, in dem ich aktiv bin. Hier wurde mir erstmals ein Thema wirklich von außen vorgegeben, allerdings recht offen. Eine aktiv handelnde Protagonistin sollte im Zentrum stehen und wir wollten möglichst viele Epochen abdecken. Ich dachte über den Begriff des Heldentums nach und kam auf eine Frau, die durch eigene Schuld ihre Superkräfte, in diesem Fall Heilmagie, verliert. Ist sie jetzt keine Heldin mehr? Oder kann sie durch ihre Entscheidungen und ihren Mut erst richtig zur Heldin werden? „Wer braucht schon Orchideen?“ Erscheint voraussichtlich im Oktober 2020 im Chaospony-Verlag.

Fazit

Durch meine Kurzgeschichten habe ich viel gelernt: Deadlines einhalten, Verlage ansprechen, mit Kritik umgehen und etwas Marketing (SoMes, Leserunde auf LovelyBooks).

Vor allem jedoch habe ich gemerkt, dass ich so viele Ideen habe, die ich gar nicht alle in epische Romane verpacken kann – obwohl ich schon Lust hätte, aus meinen Kurzgeschichten längere Romane zu entwickeln … – aber es ist einfach zu schön, tatsächlich nach wenigen Monaten ein fertiges Buch in der Hand zu halten. Wenn ich als Roman-Schriftstellerin also nicht sehr viel schneller und effizienter werde, wird es wohl auch weitere Kurzgeschichten von mir geben :)